Konzertmeister aus aller Welt stehen bei ihm Schlange Märkischer Markt, 15.3.2000

Gregor Walbrodt hat den Bogen raus

 
Kleine Kunstwerke: Ganze zwei Stück verlassen im Monat die Werkstatt

 

 

Ein Meister seiner Zunft: der 31-jährige Bogenbauer Gregor Walbrodt.
Foto Steffen Weigelt

Konzentration beim Zuschnitt der Kanthölzer
Gregor Walbrodt beim Probieren seines Bogens
Benno Dietrich

Es war nicht sein Traum einfach nur gebogene Stangen zu bauen. Er dachte an Stradivaris und Amatis, nicht an Geigenbögen. Auch wenn er selbst spielte, von der Bogenmacherkunst hatte er als 20-Jähriger noch nie etwas gehört Geigenbögen als bloßes Beiwerk, als Zubehör, das von den Geigenbauern nebenbei gefertigt wird. Für Gregor Walbrodt aus Berlin war diese Kunst schlichtweg nicht vorhanden. Jetzt ist er Bogenbauer! Und hat "den Bogen raus". Die Warteliste ist lang, 30 Neubestellungen müssen abgearbeitet werdern. Doch ein echter "Walbrodt" braucht seine Zeit - nur zwei Bögen schafft der Meister im Monat.

"Es ist schwierig, als Geigenbauer einen Ausbildungsplatz zu bekommen", beginnt Gregor Walbrodt zu erzählen. "Die Meister wollen sich nicht in ihre Karten gucken lassen und die eigene Konkurrenz heranziehen." Zwei Jahre hätte es gedauert, bis wieder eine Stelle frei geworden wäre. Da aber in dem Geigenbauzentrum in Bubenreuth bei Nürnberg auch der Bogenbau gelehrt wurde, entschied er sich für diesen Umweg. "Ich wollte mit dem Instrumentenbau endlich beginnen, auch wenn es nur die Bögen waren", blickt der gebürtige Berliner zuruck. In dieser Zeit plagten ihn jedoch viele Zweifel. "Ich fragte mich oft, ob ich wohl die richtige Entscheidung ge troffen hatte." Irgendwie liebäugelte er immer noch mit dem Geigenbau.

Schon mit sechs Jahren begann der in eine musikalische Familie hineingeborene Gregor Geige zu lernen. Seine Mutter führte bereits gekonnt den Violinenbogen, seine älteren Geschwister spielten auf dem Klavier. Recht bald träumte er von einem Orchester, in dem er musizieren wollte Doch auch die filigrane Handwerksarbeit faszinierte ihn, so dass er sich den Geigenbau auserkor. Hier konnte er seine ganze Liebe zum Instrument ausleben, die Liebe zu den Tönen und zum Holz, zum Detail und zur Perfektion, Mit dem alten Geigenbaumeistern im Rücken und seinem Hang, etwas Eigenes, etwas Bleibendes zu kreieren, wollte er sich der hohen Kunst widmen. Doch der Geigenbogen stellte sich ihm plötzlich quer in den Weg. Walbrodt stolperte nicht und stieg auch nicht darüber hinweg. Er nahm ihn schließlich auf.

Ganz langsam ließ er sich auf die leicht gekrümmten achtkantigen oder runden Holzstangen ein. Er spürte, dass der Bogenbau ebenso viele Geheimnisse in sich birgt wie der Geigenbau. Dass dieses Handwerk nicht nur ein ganz spezfisches ist, sondern ein ausgesprochen hohes Maß handwerklicher Präzision verlangt. "Die Bogenbauer haben mir gezeigt, was alles möglich ist" sagt er. Und. "Ich erfuhr zum ersten Mal, dass es eine Bogenbauer-Tradition gab, mit berühmten Meistern wie Francois Tourte oder Dominique Pecatte." Geigenbögen zu bauen, muss also nicht heißen, in der Masse unterzugehen. Das war ihm wichtig.

Letztlich sind die meisten Bogenbauer reine Handwerker. Gregor Walbrodt dagegen brachte neben seiner Virtuosität auch das Verständnis für die Musik mit, ein unschätzbarer Vorteil für die hohe Schule des Bogenbaus, wie sich später herausstellte. Den Klang zu beurteilen, weiche von harten und rauen Tönen zu unterscheiden und damit den Bogen entsprechend den Wünschen des Geigers zu verändern - das hob ihn allmählich aus der mit bundesweit etwa 50 Meistern dieser Zunft ohnehin kleinen Schar von Bogenbauern heraus. Seine skeptische Distanz ist einer aufkeimenden Leidenschaft gewichen. Heute ist ein "Walbrodt" bereits zu einem Markenzeichen geworden.

Schon mit seinem Gesellenstück holte der heute 31-Jährige die ersten Preise für die beste Arbeit beim Bundeswettbewerb im Bogenmacher-Handwerk. Auch während und nach seinem Studium im Mutterland des Geigenbogens,. Frankreich, wo er zunächst ein Jahr lang in Lille und später bei einem der besten Bogenbauer von Paris, bei Stephane Thomachot, arbeitete, räumte er bei vielen internationalen Wettbewerben ab. Auszeichnungen und Goldmedaillen brachte er aus Mittenwald, San Francisco, Albuquerque, Salt Lake City oder Manchester mit. Zwölf Preise sind mittlerweile schon zusammen-gekommen. Bei diesen Prüfungen werden die eigenen Bögen eine Woche lang von einer Experten-Jury durchgecheckt, bevor der Sieger feststeht.

Vor allem das Biegen der zugeschnittenen rotbraunen Fernambuk-Stangen verlangt viel Geschick. Allein an einem Stock sitzt er zwei Wochen lang und gibt ihm über einer kleinen Flamme die entsprechende Krümmung. Gleichzeitig wird ständig gehobelt, und der vierkantige Bogen wandelt sich zu einem achtkantigen. Am Ende darf der Geigenbogen allerdings nicht mehr als 60 bis 62 Gramm wiegen. "Ein guter Musiker merkt jedes Gramm", weiß er. Ein paar Hobelschübe zu viel und der Bogen verliert an Qualität.

Auch den "Frosch", das aus Ebenholz gefertigte Haltestück zum Spannen der Rosshaare, stellt Walbrodt in Handarbeit her. Das Zuschneiden der Stange, das stundenlange Polieren des Bogens mit Ölen und Glasurmitteln, das punktgenaue Umwickeln des Bogenendes mit Gold- oder Silberdraht, das exakte Spannen mit den speziell ausgesuchten Pferdehaaren sowie die Klangprobe des Geigenbogens - ein echter "Walbrodt" braucht Zeit. Nur zwei Bögen im Monat schafft er, auf der Warteliste stehen bereits 30 Kunden für Neubestellungen. Konzertmeister aus verschiedenen deutschen Orchestern sowie aus Frankreich, Belgien und den USA gehören dazu. Es spricht sich herum, dass Walbrodt ,,den Bogen raus hat". Außerdem spezialisierte er sich auf die Restaurierung von Exemplaren aus der Zeit seit Francois Tourte, dem Stradivari der Bogenbauer, und nimmt Reparaturen an. Ein Meistergeiger lässt die Rosshaare alle zwei bis zwölf Monate erneuern.

Letzten Endes kann er seine Kunstwerke auch gleich im Einklang mit anderen Instrumenten testen, spielt doch der junge Bogenbauer noch selbst in einem Berliner Orchester. "Es ist leichter mit einem besseren Bogen auf einer durchschnittlichen Geige gute Musik zu machen", meint er. Da die Nachfrage nach einem "Walbrodt" weiter steigt, will der musizierende Handwerksmeister jetzt auch selber ausbilden. Doch die Suche fällt schwer. Der angehende Bogenbauer muss nicht nur menschlich zu dem ruhigen und zurückhaltenden Meister passen, sondern ebenso viel Geduld aufbringen und einen Hang zur Detailtreue haben. Doch welcher ambitionierte Instrumentenbauer, greift ausgerchnet zu den Geigenbögen! Gregor Walbrodt kennt das.

 

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